Studienseminar Bochum 1957

Gesichtspunkt für die Beurteilung von Lehrproben

- I -

  1. Hat sich der Lehrer als lebendiger Mensch oder als bloßer Unterrichter erwiesen?
  2. Haben die Schüler etwas gelernt oder erlebt? Sind ihre Beobachtungsgabe, ihre Empfänglichkeit, ihr Wort- und Wahrheitsinn angeregt und vertieft, ihr Gesichtskreis erweitert, ihre Selbständigkeit gefördert, Vorurteile beseitigt worden?
  3. Hat die Stunde die Wißbegier geweckt, befriedigt, gesteigert? Sind Probleme aufgeworfen, ist der Gegenstand den Schülern wichtig gemacht, in größere Zusammenhänge eingeordnet worden?
  4. Sind die Gelegenheiten benutzt worden, den Schülern das Verständnis der sie umgebenden Welt, der heutigen Zeit und der ihnen einmal erwachsenden Aufgaben zu erschließen und dem Willen zur Lösung dieser Aufgaben zu wecken?
  5. Haben die Schüler denken müssen? sind Ansprüche an ihre Urteilskraft gestellt worden?
  6. War die Stunde beschwingt, interessant? Waren die Schüler fröhlich bei der Sache oder arbeiteten sie nur ergeben oder gar verdrossen mit? Waren sie am Ende der Stunde noch ebenso frisch bei der Sache wie zu Beginn? Werden sie nach der Stunde freiwillig über den behandelten Gegenstand nachdenken, sich untereinander oder mit Eltern und Geschwistern darüber aussprechen?

- II -

  1. Beherrscht der Lehrer den Stoff?
  2. War alles richtig? klar? anschaulich? War der Unterricht dem Alter der Schüler angemessen, der Lehrton entsprechend, das Unterrichtsthema angemessen?
  3. Waren die Fragen eindeutig? natürlich formuliert?
  4. Ist die Stunde sachgemäß geplant und durchgeführt worden? Ist sie gleichmäßig abgerollt, oder hat der Lehrer die Schüler wenigstens einmal aufatmen lassen? Ist der Lehrer imstande gewesen, wo es sich empfahl, von seinem Plan ab, auf Fragen und Einwände der Schüler einzugehen? In den Schülern Gelegenheit gegeben, Zeit vergönnt worden, nachzudenken, nachzusinnen?
  5. Ist wenigstens ein Teil der Stunde arbeitsunterrichtlich (im Sinne Kerschensteiners oder Gaudigs) verlaufen? Hat es Erörterungen, Aussprachen zwischen den Schülern gegeben? Hat der Lehrer falsche Antworten selbst zurückgewiesen und verbessert, oder hat er das Richtige von der Klasse erarbeiten lassen? Hat er die Ursachen der Fehler ermitteln lassen?
  6. Haben sich die meisten Schüler wenigstens einmal äußern können?
  7. Sind vielleicht zu viel Antworten wiederholt oder mit einem "Ja", "Richtig", "Schön" quittiert worden?
  8. Ist auf die Haltung der Schüler geachtet worden?
  9. Ist die Haltung des Lehrers angemessen gewesen?

Landesarchiv NRW W Studienseminar Bochum Nr. 9 (1957)